Donnerstag, 28. Juli 2011

Total pervers - Wir essen uns krank!

Krankheit ist ein Zustand der Unausgeglichenheit. Blicken wir uns heutzutage um, scheint wohl einiges außer Balance geraten zu sein. Dies zeigt sich vor allem in der Art und Weise, wie wir heute unsere Nahrungsmittel anbauen oder produzieren, sie vermarkten und letztendlich auch durch die tägliche Wahl des Konsumenten.

Durch mein Interesse am Thema "Gesundheit & Ernährung" bin ich in einem hervorragendem Buch "Futter fürs Volk - Was die Lebensmittelindustrie uns auftischt" auf den Journalisten und ehemaligen Spiegel-Redakteur Dr. Hans Ulrich Grimm gestoßen. Der promovierte Germanist, zeichnet sich insbesondere über sein Fachwissen im Bereich "Geschmacksverstärker und Zusatzstoffe in Lebensmitteln" aus.

Im Folgenden einige Zitate aus dem Eingangs genannten Buch.



[>>Total pervers"<< - Ein Gespräch mit Dr. Hans-Ulrich Grimm]


Der Geschmack

[...] Vor etwa 20 Jahren habe ich bemerkt, dass es überhaupt keine Erdbeeren gab, die wie Erdbeeren schmecken. Die Erdbeeren haben geschmeckt wie Tomaten, praktisch wie Wasser mit roter Haut außen rum. Da habe ich festgestellt, dass die einzigen Früchte, die auch gut schmecken, aus ökologischen Anbau sind. Und so bin ich nach und nach komplett auf Ökoprodukte umgestiegen. [...]


[...] Da dieser Geschmack was ganz Wesentliches ist, über den Genuss hinaus, habe ich erst bei den Recherchen über die Bücher gemerkt. Am eklatantesten bei der Tiernahrung. Ich bin darauf gestoßen, dass es Tiernahrungsaromen gibt, die man den Futtermitteln zusetzt, die schmecken etwa nach Kräuterwiese. Es gibt auch den Aromatyp Wurm oder Maus, je nach Vieh. Und in den Prospekten für die jeweiligen Tieraromen steht etwa drin >>Besonders geeignet zur Maskierung von Problemfuttermitteln<<. Da ist mir aufgefallen, dass das genau diese Zusätze sind, die zu den Skandalen geführt haben, die wir in den letzten Jahren hatten. Von BSE angefangen, dass durch verseuchtes Tiermehl entstand, aber auch die Dioxinproblematik oder die EHEC-Bakterien, die entstehen, weil die Viecher nicht mit Heu und Gras gefüttert werden. Diese ganzen Zutaten und diese Aromen dienen letztendlich nur dazu, dass die Tiere ein Zeug fressen, welches total artwidrig ist. Das ist doch total pervers. Wenn die Viecher ihr Chemiefutter bekommen, würden sie normalerweise schreiend davonrennen. Durch die Aromen tut man aber so, als ob das artgerechte Heu von der Kräuterwiese wäre, das ihnen eigentlich gut tun. Und das ist natürlich ein Skandal. [...]


[...] Die gleichen Aromen bekommen die Menschen. Das Problem bei Mensch und Tier, das der Geschmack eigentlich eine Kontrollaufgabe hat. Der Mensch hat 2000 Geschmacksknospen, Karnickel haben 15 000, Rinder 35 000. Denn das Rindvieh kann keine Packungsbeilagen lesen und keine Ernährungsratgeber.
Das Vieh muss sich also auf seinen Geschmackssinn verlassen [...]


Im weiteren Interview wird auch der Zusammenhang von zunehmeder Übergewichtigkeit und Zivilisationskrankheiten beim Menschen im Zusammenhang mit aromatisierter Nahrung eingegangen.


Wissenschaft und Studien

Sollte man nicht davon ausgehen, dass die moderne Wissenschaft unsere Nahrung überwacht und somit unsere Gesundheit sicher gestellt wird?


[...] Problematisch wird es meines Erachtens nach aber immer dann, wenn sich die Wissenschaftler in all zu großer Nähe zur interessierten Industrie begeben. Zunächst muss das die Unabhängigkeit nicht unbedingt gefährden; doch oft habe ich den Eindruck, dass die Unabhängigkeit vieler Wissenschaftler im Bereich der Nahrungsmittel nicht mehr gesichert ist. Das hat bei den Gesetzgebungsprozessen sehr problematische Auswirkungen. Da habe ich mal mit einem Herrn von der Bundesforschungsanstalt für Ernährung gesprochen - einer Einrichtung des Bundeslandwirtschaftsministerium -, der sagte lachend, dass gesundes Essen und gesunde Ernährung letztlich gar nicht mehr möglich seien. Ich habe ihm entgegnet, dass sich ja jeder gesund ernähren könne, wenn er entsprechend Obst und Gemüse isst und wenn er bewusst einkauft. Doch dann sagte dieser Mitarbeiter der Bundesforschungsanstalt, das könne ein Einzelner vielleicht schon, aber es sei für alle Menschen in Deutschland nicht mehr möglich, weil das Angebot in den Supermärkten dafür gar nicht ausreiche. Das ist nach meinem Empfinden ein absoluter Skandal. Das kennt man vielleicht aus Afrika, dass die gesunde Ernährung der Bevölkerung nicht gesichert ist, aber doch nicht von einem zivilisierten mitteleuropäischen Land, in dem es eigentlich Nahrung in Hülle und Fülle gibt. Da mein damaliger Gesprächspartner Angehöriger eines Forschungsinstitutes ist, müsste man eigentlich annehmen, dass die Forschung untersucht, inwiefern die gesunde Ernährung nicht mehr gesichert ist, damit entsprechende Gegenaktionen möglich sind. Eigentlich müssten solche Wissenschaftler aufzeigen, wie viel Chemikalien die Menschen zu sich nehmen, wie es um Zusatzstoffe, Konservierungsstoffe, Säuren bestellt ist, welche die Zähne angreifen, den Knochbau beeinträchtigen, das Immunsystem schwächen. Das weiß aber niemand und das will auch niemand wissen. [...]


[...] Aber ist es nicht mehr als skandalös, wenn wir Bürger und Verbraucher nicht sicher sein können, dass unsere Gesetze und Zulassungsverordnungen auf solider Kenntnisse der Verzehrmengen beruhen. Da gibt es zwar nationale Verzehrsstudien und da steht drin, was die Bevölkerung verzehrt an Hülsenfrüchten, an Kartoffeln, an Milch, Mehl, Eiern. Ich rufe dann die Leute an, welche die Studie gemacht haben und frage: Wer isst eigentlich die 5-Minuten-Terrine und wer isst Müllers Milchreis? Das kommt bei euch gar nicht vor in der Studie. Bleibt das immer liegen im Supermarkt, räumen die das abends immer weg, weil die Leute nur Hülsenfrüchte gekauft haben? Und dann müssen die mir eben sagen, dass das eben nicht bekannt ist. Das wird nicht erhoben. Die Firmen wissen das natürlich. [...]



Was wird uns noch über Zusatzstoffe verschwiegen?


[...] Es sammelt sich ja alles im Darm. Den Darm kann man im Fernsehen leider nicht so schön herzeigen wie ein torkelndes BSE-Rindvieh. Es guckt eigentlich keiner rein in den Darm. Der Darm ist aber unglaublich wichtig, weil er zum einen dazu da ist, dass die Menschen Nährstoffe aufnehmen und zum anderen die Funktion hat, Krankheitserreger, Allergene und dergleichen abzuwehren. Der Darm hat also eine Barrierefunktion. Nun gibt es Zusatzstoffe wie Sulfide, die sind etwa im Kartoffelpüree, in der 5-Minuten-Terrine und in vielen, vielen anderen Nahrungsmitteln enthalten. Doch davon steht oft nichts auf der Packung. Und diese Sulfide führen dazu, das im Darm Bakterien existieren können, welche die Darmwand angreifen. Diese Bakterien sind bei Ölplattformen gefürchtet, weil sie die Pipelines von innen her anfressen. Diese Bakterien wurden gleichermaßen gefunden im Flussschlamm des River Tay in Schottland und im Darm vom Menschen. Übrigens: Bei 50 Prozent aller gesunden untersuchten Menschen  wurden diese Bakterien festgestellt und bei 96 Prozent derer, die entzündliche Darmerkrankungen hatten, wie Colitis ulcerosa. Wenn dies bei so vielen Leuten verbreitet ist und deswegen der Schutzschild Darm angegriffen ist, dann kann es natürlich sein, das gerade Allergene deswegen viel leichter den Eingang finden und sich ausbreiten. Wenn ich aber das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz anrufe und frage, ob man aus dieser Studie, die englische Wissenschaftler erstellt haben, irgendwelche Konsequenzen gezogen habe, dann sagen die, nein, das ginge sie nichts an. Und auch das ist ein Skandal.[...]


Das komplette Interview könnt ihr wie benannt in "Futter fürs Volk - Was die Lebensmittelindustrie uns auftischt" nachlesen.


Additive

Ein umfangreiches System von Gesetzen regelt den Gebrauch von Lebensmittelzusätzen auf nationaler und internationaler Ebene. Die internationale Beurteilung der Unbedenklichkeit von Lebensmittelzusätzen wird von einer Gruppe aus den FAO/WHO Expertenkomitees über Nahrungsadditive (JECFA) vorgenommen, die auch Spezifikationen über die Reinheit dieser Substanzen aufstellen. 
In jüngster Zeit gab es eine Zunahme des öffentlichen Interesses an den potentiellen Gesundheitsauswirkungen der vielen tausend Lebensmittelzusätze, die von der Lebensmittelindustrie verwendet werden, aber leider mangelt es häufig an ausreichenden Informationen zur richtigen Einschätzung ihrer Unbedenklichkeit. Die Unbedenklichkeit ergibt sich meist aus Langzeitfütterungsversuche bei denen Zusätze an Versuchstieren in Mengen verfüttert werden, denen ein Mensch nicht ausgesetzt ist, woraufhin dann die tolerierbare Tagesdosis (ADI = Aceptable Daily Intake) festgelegt wird. 
Wenn auch neue Substanzen dieser Testmethode unterworfen sind, bevor sie als Lebensmittelzusätze verwendet werden, gibt es doch viele Produkte, die ohne Kenntnis ihrer möglichen Toxizität schon vor Inkrafttreten der neuen Bestimmungen in Gebrauch waren. In den Usa stehen diese Bestandteile in einem besonderen Abschnitt auf der GRAS-Liste (Liste der als allgemein sicher angesehenen Stoffe) der Lebensmittelzusatzstoffe.

Die konventionellen Testverfahren auf Toxizität richten sich hauptsächlich auf die Pathogenität. Auswirkungen auf die Reproduktion, Embryotoxizität, Teratogenität und Mutagenität werden normalerweise bewertet. Es gibt jedoch noch weitere Kriterien, die für das Bescheinigen der Unbedenklichkeit von Lebensmittelzusätzen ebenso bedeutsam sind, die aber von den üblichen Testverfahren nicht ohne weiteres erfasst werden. Diese beinhalten Funktionsausfälle wie Verhaltensstörungen und Auswirkungen auf die Intelligenz. Oft ist es zudem schon deswegen schwierig den Grad der Gefährdung durch Nahrungsadditive exakt festzulegen, weil in Abständen, die eine Langzeitbewertung schwierig machen, neue Produkte auf den Markt kommen und alte ersetzt werden.

'Die Menge des jeweiligen Lebensmittelzusatzstoffes, die der Nahrung zugesetzt werden könnte, ist nur für bestimmte Kategorien von Additiven festgelegt. Im Fall von Farbstoffen, Emulgatoren, Stabilisatoren, Lösungsmitteln und den meisten gemischten Additiven bestehen keine Einschränkungen bezüglich der in der Nahrung verwendbaren Menge, obwohl ihre Anwendung auf gewisse Kategorien von Nahrungsmitteln beschränkt sein kann.
Die maximale tägliche aufnahme einiger Nahrungsadditive wurde für Azo-Farbstoffe auf bis zu 100mg/Tag, für Nicht-Azo-Farbstoffe auf 50mg/Tag, für Antioxidantien auf 200mg/Tag und für Benzoatprodukte auf 1g/Tag festgelegt.'

Es verwundert daher nicht, dass nachteilige Auswirkungen, die den Nahrungsadditiven zugeschrieben werden, immer häufiger in der Literatur beschrieben werden. Das Interesse an diesem Thema wurde durch den Pädiater und Allergologen Finegold geweckt. Dieser ging einer Krankheit vieler Kinder auf den Grund, die an Hyperaktivität und minimaler cerebraler Dysfunktion litten. Als Ursache nannte Finegold die Empfindlichkeit dieser Jugendlichen gegenüber gewissen Nahrungsbestandteilen. 
Als Hauptübeltäter kämen - so Finegold - synthetische Lebensmittelfarben und Geschmacksstoffe in Frage.

'Finegold wurde heftig kritisiert, aber eine ganze Reihe laufender Forschungen zeigt, dass seine Behauptung nicht so einfach widerlegt werden kann.'

Ein Großteil der Kritik befasst sich mit den relativ kleinen Mengen von Additiven, denen der Mensch im Vergleich zu den klinischen Laborversuchen ausgesetzt ist. Es muss aber daran erinnert werden, dass Ratten in klinischen Versuchen nur einen einzigen Agens, die Menschen dagegen zahlreichen Additiven zur gleichen Zeit ausgesetzt sind.  Außerdem bekommen die Ratten ballaststoffreiche Kost verfüttert, während moderne westliche Kostformen sehr arm an Ballaststoffen sind. Es gilt als bewiesen, dass eine ballaststoffarme Ernährung die toxischen Wirkungenvon Farbstoffen und anderen Additiven außerordentlich verstärkt. Neben Finegolds Entdeckungen wurde eine überraschende Anzahl von Symptomenim Zusammenhang mit Lerbensmittelallergien berichtet.


Verhaltensauffälligkeiten, die einer Lebensmittelallergie zugeschrieben werden:

Migräne, Hyperkinese, Trägheit, Lichtscheu, Depression, Irrationales Verhalten, Abwesenheit, Konzentrationsstörungen, Benommenheit, paranoide Vorstellungen, vorübergehende Blindheit, rezidivierende Neuritis, verschwommenes Sehen, Morbus Meniäre, Hyperrästhesien, Neuralgien, Schläfrigkeit, Müdigkeit, Nervosität, Nervöse Zuckungen


In wie fern die tägliche Wahl der Nahrung auf uns alle Einfluss hat und wie es überhaupt um diese Wahl bestellt ist, sollten diese Fakten klar empor bringen. Dennoch wächst das Interesse an Menschen, die sich für nachhaltige und ökologische Produkte interessieren stetig an, das ist auch nicht der Nahrungsmittelindustrie entgangen.

Um sich selbst und somit seine Gesundheit nicht zu gefährden, gibt es im Netz zahlreiche weitere Informationsportale:


uvm.


Quellen:
(2) Ernährung neu Entdecken (Prof. Dr. Walter Veith)

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