Freitag, 13. August 2010

WikiLeaks - Todesliste länger als bisher gemeldet

Hagbud Seleyn
13. August 2010

Die von WikiLeaks veröffentlichte "capture/kill“-Liste der inzwischen weltberühmten „Task Force 373" ist mit nur 70 Personen unrealistisch klein, der Afghanistan-Experte Christoph Hörstel geht ehr von 2-3.000 Person aus. Auf seiner Website hoerstel.ch veröffentlicht er zur Zeit eine Artikel Serie über die 92.000 WikiLeaks-Dokumente. In Teil 7 mit dem Titel, 'WikiLeaks zu Afghanistan 7 - Weitere UngereimtheitenTodesliste VIEL länger als bisher gemeldet - und mehr', schrieb er heute folgendes:

"Am 1. August hatte ich die von WikiLeaks (WL) kolportierte „capture/kill“-Liste der inzwischen weltberühmten „Task Force 373“ als unrealistisch klein kritisiert. Mit nur 70 Todeskandidaten (denn wir müssen davon ausgehen, dass nur wenige Widerständler sich ohne Not in Folter-Hände begeben) spiegele diese Liste nicht die Realität wider.

Dabei ging ich von 2-3.000 Todeskandidaten aus. Die neueste Nachricht kommt den Dingen schon näher: Die „Süddeutsche“ zitiert (pdf) aus einem Bericht des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Kossendey vom Februar d. J. für den Verteidigungsausschuss, in dem von einer Liste der ISAF namens „Joint Priority Effects List“ (JPEL) die Rede ist. Darin enthalten: 23.000 Einzelpositionen und „etwa 550“ Zielpersonen. Der „Spiegel“ berichtete (pdf) über die Liste schon anlässlich der Vernehmung des Kundus-Killers Oberst Klein, der möglicherweise heute noch immer nicht weiß oder einsieht, dass er seinen Kameraden, die nach ihm in Chahar Darrah Dienst tun müssen, auf Jahre einen heißen Empfang gesichert hat. Und der „Stern“ konnte noch ein paar Details zusätzlich (pdf) liefern. Aber sie alle schwiegen beharrlich über die Zahl 550 in der JPEL - bis heute. Wenn aber diese Zahl 550 schon im Februar-Bericht an den Ausschuss stand - und man hatte schon eine gute Reihe Fakten dazu in den Medien, warum kommt diese Zahl erst jetzt heraus? Wer hat da wieder verabredetermaßen geschwiegen?

Wie ich inzwischen erfahre, trägt der Kossendey-Bericht das Datum 24. Februar 2010 und liegt in der Geheimschutzstelle des Bundestages. Abgeordnete dürfen dorthin und lesen, sie dürfen weder Notizen machen noch Kopien. So geht‘s auch. Ich beteilige mich als Bundesregierung an Verbrechen und bestimme selbst darüber, was davon bekannt wird. Aber das Verrückteste: Unsere sagenhaften Bundestagsabgeordneten HALTEN sich an DIESEN BLÖDSINN - diesen mörderischen Blödsinn - bis auf einen. Und mitten in den Sommerferien kommt das dann heraus. Redakteur Blechschmidt und der „Süddeutschen“ sei Dank. Wir wollen ja auch vermerken, wenn etwas Gutes gemacht wird.

Eines ist auch klar: Da die ISAF nicht weiß, was die Geheimdienste und unzählige Geheimkommandos tun, insbesondere die der USA, MUSS die ISAF-Liste zwangsläufig viel zu kurz greifen.

Die New York Times lieferte (pdf) in den letzten Tagen einen (weiteren) wundervollen Beweis dafür, wie naiv US-Soldaten ihre Einsätze angehen (aktuelles Beispiel: ausgerechnet Kundus) - und wie irreführend ungenau die Berichterstattung darüber sein kann, auch in langen und ausführlichen Berichten.

Auf jeden Fall ist jetzt ein weiterer gravierender Punkt des „Gräuel-Understatements“ durch WL-Veröffentlichungen beschrieben.

Auch beschrieben ist damit allerdings, dass Dank der WL-Veröffentlichungen weitere Einzelheiten bekannt werden. Wie ich schon sagte: Es bleibt ein Verdienst von WikiLeaks, das Material veröffentlicht zu haben, doch hätte eine bessere Einordnung durch weniger staatsnahe und Nato-freundliche Medien vermutlich mehr bewirkt. Und: „Das meiste davon ist unwichtig“, hieß es heute im Büro eines Mitglieds im Verteidigungsausschuss des Bundestages zu den 92.000 Dokumenten. Ja, leider. Und auch das nimmt dem kleinen Rest nicht den - allerdings eher historischen - Wert."

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