Sonntag, 27. Dezember 2009

Kundus - Ein blutiges Gemetzel

In meinem Post "Die Inszenierung der Medien" ging ich bereits darauf ein, dass Anfang September den entscheidenden Organen unser Regierung, die Informationen zum Vorfall in Kundus vorlagen.

In der Beschreibung zum folgenden Videobeitrag heißt es:

Am 4. September starben 142 Menschen in Afghanistan durch eine NATO-Bombardement. Darunter: 137 Zivilisten, viele davon Kinder. Die Bundeswehr steckt mittendrin und die zuständigen Minister wollen von nichts gewußt haben.

Christoph Hörstel, lange Zeit Afghanistan-Korrespondent für die ARD, berichtet, was man uns noch verschweigt und wozu das alles. Möchte man uns an ein steigendes Sarg-Aufkommen im Jahre 2010 gewöhnen?


Aus dem Artikel: "Tatsächliche Opferzahlen des Massakers von Kundus bekanntgegeben: 179 zivile Opfer und 5 Taliban!"  ist die Opferzahl auf dem ersten Blick um 42 höher, als in dem Vortrag Ch. Hörstel. Doch ein kurzer Blick in dem Artikel genügt, um zu bemerken das hier journalistisch so exakt wie möglich gearbeitet wurde.
Die Zahl der zivilen Opfer, die ein Team um den Bremer Anwalt Karim Popal bei Recherchen vor Ort ermittelt hat, ist dramatisch höher als die, die das Bundesverteidigungsministerium und die NATO der Öffentlichkeit übermittelten.

Die von Popal vorgestellte Liste umfasst 179 zivile Opfer. Davon wurden 20 Personen verletzt. 22 Personen sind verschollen. [1]

Abzüglich der Verletzten und Verschollenen Personen landet man bei einer zivilen Opferzahl von 137, welche auch Ch. Hörstel benennt.
Alle anderen sind verstorben. Die verstorbenen Personen schlüsselte Popal nach verschiedenen Kriterien auf. Zunächst nach Altersklassen:

Unter den toten Zivilisten sind demnach 36 Kinder im Alter von fünf bis sechzehn Jahren, 33 Personen im Alter von siebzehn bis siebenundzwanzig Jahren, 67 Personen im Alter von achtundzwanzig bis fünfundfünfzig Jahren.

91 Verstorbene waren verheiratet. Sie haben Familien mit ein bis sieben Kindern gehabt. 91 Frauen wurden Witwen. Diese Frauen sind zwischen achtzehn und vierzig Jahren alt. Diese Frauen, so Popal, haben den in Afghanistan so wichtigen Ernährer der Familie verloren. Niemand kümmere sich um diese Frauen. 163 Kinder seien zu Waisen gemacht worden. Das sei eine humanitäre Katastrophe.

Nur bei fünf Personen, die bei dem Bombardement der Tanklastwagen ums Leben gekommen seien, handele es sich um Talibankämpfer.
[1]
In einem Artikel vom 8.12.2009 auf tagesschau.de, kann man tatsächlich die wahren Opferzahlen entnehmen. Doch zuvor ein Zitat aus dem Verteidigungsministerium.

Bundesregierung braucht Informationen

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte der Nachrichtenagentur AP, dass erst die Zahl der bei dem Luftangriff in Afghanistan getöteten und verletzten Zivilisten feststehen müsse, bevor die Bundesregierung über die Höhe der Entschädigung entscheide. Man habe den Anwalt der Opfer gebeten, Informationen und Belege über die Personen zu liefern, die er vertritt. [2]

Vielleicht sollte sich das Verteidigungsministerium den hintergrund.de Artikel vom 27. November zu Gemüte führen, denn hier heißt es:
Karim Popal, sein Anwaltskollege Markus Goldbach und ein afghanisches Team, das unabhängig von der als korrupt geltenden Regierung und unabhängig von den Taliban ist, haben nach eigenen Angaben von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf recherchiert.

Ihre Zahlen haben sie sich vom Gouverneur des zuständigen Distrikts Chahar Darreh, vom Parlament in Kabul und vom Provinzparlament, dem so genannten Provinzrat, bestätigen lassen. [1]
Will man uns hier für dumm verkaufen? Im tagesschau Artikel wird Herr Popal, der Rechtsanwalt der Opfer zumindest stellenweise zitiert.
Mir geht es dabei vor allem um die 91 Witwen, die unter den ethnischen Gegebenheiten in Afghanistan sonst sehr gefährdet sind" [...] Bei dem von einem deutschen Offizier angeordneten Angriff Anfang September waren bis zu 142 Menschen getötet worden, unter ihnen zahlreiche Zivilisten. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums hatte am Montag eine Entschädigung angekündigt, ohne eine konkrete Summe zu nennen. [2]
Nun wir haben hier die typische Mainstreamberichterstattung, wenn man nicht mehr Lügen kann, baut man die wahren Informationen in einem geschickten Kontext ein, aber versucht dabei die Unschuld der Regierung zu wahren. Die Fehler sind nur bei einzelnen Personen zu suchen, diese müssen sich einem Untersuchungsausschuss stellen oder werden ihres Posten enthoben und alles wirkt demokratisch. Dadurch wird der Schein gewahrt, das dem Parlament keine entscheidenden Informationen zum Vorfall Kundus vorenthalten wurden, aber das ist nur die Oberfläche. Nur ein wenig tiefgründigere Recherchen lassen dieses Bild wie eine Seifenblase zerplatzen.
Merkwürdig bzw. widersprüchlich ist in diesem Zusammenhang mancherlei: Zum einen, dass der Bundeswehr bereits am Morgen des Luftangriffs ein Schreiben des Provinzgouverneurs an Karzai vorgelegen haben soll, das dieser aber erst zwei Tage später erhielt.

Zum anderen nannte derselbe Provinzgouverneur noch im Laufe desselben Tages, an dem der Bundeswehr sein Brief vorgelegen haben soll, ganz andere Opferzahlen, als Raabe aus dem besagten Brief zitierte. In der ersten dpa-Meldung vom Freitag nach der Bombardierung der zwei Tanklastwagen hieß es nämlich: Nach Angaben der Bundeswehr seien 56 Menschen ums Leben gekommen. Der Gouverneur der Provinz Kundus, Mohammed Omar, habe die Zahl der Getöteten dagegen mit 90 angegeben. Davon seien 45 Taliban einschließlich ihres Kommandeurs gewesen.

In den ersten fünf darauf folgenden dpa-Meldungen vom selben Tag (8:37, 8:53, 10:38, 11:05 und 11:18 Uhr) bleibt es bei dem Unterschied zwischen den von der Bundeswehr und den von Gouverneur Omar genannten Zahlen. Erst um 12:02 Uhr meldet dpa dann überraschend, der Gouverneur der Provinz Kundus habe seine Zahlenangaben nach unten korrigiert. Zwischen 50 und 60 Menschen seien getötet worden: „Die meisten davon waren bewaffnete Taliban.“ Damit näherte sich Omar in auffälliger Weise den Bundeswehrzahlen an. Sein Polizeichef Abdul Rasak Jakubi nannte sogar exakt dieselbe Zahl wie das deutsche Kommando im Kundus: 56 tote Talibankämpfer. [1]
Eines ist doch wohl auffällig, die wahren Begebenheiten zum Fall Kundus tröpfeln nur ganz allmählich durch.
Das Verteidigungsministerium dürfte ein hohes Interesse an einer schnellen und reibungslosen Regulierung der Angelegenheit haben. Opfer-Anwalt Popal hatte bereits angekündigt: Sollte es keine außergerichtliche Einigung geben, dann werde er im Namen seiner Mandanten klagen: "Auf Schadenersatz wegen fehlerhaftem und grob fahrlässigem Verhalten der Bundeswehr." Daran hat die Bundesregierung wohl kaum ein Interesse. Deshalb beantwortete der Sprecher des Verteidigungsministers alle Detailfragen im Prinzip mit dem einen Hinweis: "Fakt ist: Es wird eine Lösung geben." [3]
Nun wenn ihr den Vortrag von Christoph R. Hörstel verfolgt habt, könnt ihr euch wohl vorstellen, dass weder Bundesregierung noch die Bundeswehr daran interessiert wären, noch mehr Staub in der Affäre Kundus aufzuwirbeln.

Denn dann könnte sowohl die Korruption der Informationsweiterleitung von der afghanischen Provinzregierung oder des Governeurs von Kundus verdeutlicht werden, dessen Berichte durch deutsche Presseagenturen liefen und somit die deutschen Kampfhandlungen rechtfertigen sollten.

Oder wie steht es überhaupt mit der Rechtfertigung und Legitimation des Angriffes. Denn seit Sommer 2009  gilt die taktische Direktive von Oberkommandeur Mc Crystal, dass der Angriff auf eine Menschengruppe nur bei direkter Gefahr für die eigene Truppe vollführt werden solle. Luftangriffe auf bewohnte Gebiete werden somit genauer abgewägt und nur begrenzt durchgeführt, damit zivile Opfer vermieden werden. Steht diese Direktive nicht klar im Widerspruch zum Vorgehen von Oberst Klein? [4]

Nach Hörstel überflog bereits eine Stunde vor Eintreffen der Beiden F15-Kampfjets, ein B1-Bomber den Luftraum der folgenden Kampfhandlungen. Es ist wohl recht unwahrscheinlich, dass die Taliban am Ort verharrten, um auf das Eintreffen der Kampfjets zu warten. Man darf davon ausgehen, dass die Taliban in den vielen Jahren Krieg gegen die NATO inzwischen genau wissen, wie lange man sich an einem Ort aufhalten kann, bevor die Luftunterstützung der NATO eintrifft.

"Nach internationalem Recht müsste Oberst Klein somit in den Knast." (Hörstel)

Die Zahlen sprechen wohl für sich. Wenn unter 142 Opfern gerade einmal Fünf Taliban sind und außerdem keine Bedrohung für die eigene Truppe vorlag, ist der Befehl von Oberst Klein schlicht und ergreifend grob fahrlässig. Und das ist wohl noch eine schmeichelnde Formulierung.

Nach Hörstels Einschätzung dient die Affäre Kundus nur dazu die Öffentlichkeit an das Morden zu gewöhnen, das jetzt kommt. Denn unter dem amerikanischen Präsidenten und Friedensnobelpreisträger wurde beschlossen, die Truppenstärke in Afghanistan um weitere 30'000 Mann zu erhöhen.

Nach voneinander unabhängigen Aussagen eines britischen Generals und dem Taliban-Führer Mullah Omar, bedeuten mehr Soldaten, mehr Ziele für die Taliban. Hörstel spricht hierbei von einem gewissen Sarganschwellen in der nächsten Zeit. Nun in Anbetracht des Handelns bzw. eben nicht Handeln unserer entscheidenden Regierungsorgane, insbesondere in der Informationsweiterleitung an das Parlament, bestätigen eben diese drastische Wortwahl und These eines Herr Hörstel. [5]

Somit wird hier wohl offensichtlich, dass ein Gerichtsverfahren und die damit nähere Untersuchung innerhalb der Bundeswehr, zuviel öffentliches Interesse erzeugen könnte und auf eben entscheidende Faktoren der Affäre Kundus hinweist. Die Folge könnte ein entscheidenden Meinungsumschwung und vor allem Widerstand in der Bevölkerung gegen das kriegerische Handel der deutschen Truppen erzeugen. Auch genauere Untersuchungen innerhalb der Bundesregierung könnten hier ein entscheidender Katalysator für ein gesteigertes öffentliches Interesse an Wahrheit auslösen.

Jeden Dienstagmorgen gibt es im Kanzleramt das Geheimbriefing der Geheimdienste. Da sitzen Vertreter aller Ministerien. Daraus folgt, dass Steinmeier spätestens am folgenden Dienstag des 4. September über die Lage in Kundus informiert wurde. Und nicht nur er. Das bedeutet die Informationen waren bekannt und wurden nicht weitergeleitet.

Auch sind die Aussagen des General Schneiderhahn und des Minister zu Guttenberg widersprüchlich. Einer sagt ich hätte alle Informationen weitergeleitet, der Andere behauptet er hätte nicht alles vollständig erhalten.

Unter anderem wurde genauestens die Wirkung der Bomben beschrieben. Menschen wurden zerrissen, Augäpfel aus deren Höhle gerissen. Es gab eine gewaltige Stichflamme. Es gab nur wenige Verletzte, aber eine erheblich Anzahl von Toten. Diese Auswirkungen weisen auf eine Thermobarische Bombe hin. Diese hat eine enorme Druckwelle zu Folge, welche die hohe Zahl an zivilen Opfern mit sich brachte.

Am Ende stellt Christoph Hörstel mit energischer Stimme die Frage: "Wo zum Teufel bleiben unsere verfluchten Kirchen". Die Formulierung der Frage ist wohl bewusst so provokant gewählt. Denn wie kann man sich Ethik und Respekt vor dem Leben und dem Menschen auf die Fahne schreiben, aber eben anhand der geschilderten Vorfälle zeigt sich dass selbst die Kirche eine staatliche Doppelmoral fahren. [5]

Was ich bereits damals in meinen Post in "Die Inszenierung der Medien" versucht hatte anzudeuten ist, dass das Thema Kundus und die folgenden politischen Geplänkel, welche in hoher Frequentierung unser Medienbild füllten, aber eine Debatte um die Mandatsverlängerung der Bundeswehr in Afghanistan, falls diese Thematik überhaupt einmal angeschnitten wurde, völlig durch die gegenseitige Schuldzuschieberei unterging.

Somit kann ich im Fazit Herrn Hörstel nur zustimmen, wir erleben wie die öffentliche Meinung an Kriegsmeldungen gewöhnt werden, die ernsthafte Frage, inwiefern dieser Krieg Deutschland nützt oder schadet, vermisse ich bis heute! Und bei selbstständigen Recherchen tauchen unglaubliche Menschenrechtsverbrechen in den Kriegsgebieten auf, die das Bild der stabilisierenden Aufbautruppe nicht aufrechterhalten können. Vielmehr drängt sich einem das Bild einer deutschen Söldnerarmee auf.

Denn die Soldaten werden hoch entlohnt und dienen internationalen und imperialistischen Interessen, wie Kontrolle eines Landes durch Aufrechterhaltung eines instabilen Zustandes. Dies wird durch korrupte Regierungen und den mächtigen und einflussreichen Warlords ermöglicht. Afghanistan hat somit keine Chance sich auf humane Weise zu entwickeln. Fakt ist, dass vor dem intervenieren der NATO-Truppen seit 2001, der Opiumanbau und somit der Machteinfluss der Warlords, welche ihre Söldner durch Drogengeld finanzieren, deutlich geschwächt werden konnte. Das geschah unter Führung der Taliban. Nach 2001 stieg der weltweite Anteil der Opiumproduktion in Afghanistan auf über 80%.

Ich möchte hier kein Bild von Gut oder Böse zeichnen, aber es liegt doch auf der Hand, dass durch das Absenken der Opiumproduktion ein entscheidender Parameter im Land angegangen wurde, um die Korruption und das Treiben von Drogen- und Kriegsherren zu schmälern. Ebenfalls auf der Hand liegt, dass Afghanistan auf dem internationalen Schachbrett ein entscheidendes Feld ist, um einen entscheidenden Einfluss auf die Ressourcenverteilung und die verbundene regionale und wirtschaftliche Entwicklung, insbesondere auch unter Einbezug der Nachbarländer in der Region, durch Gas und Öl Einfluss zu haben.

Quellen:
[1] Tatsächliche Opferzahlen des Massakers von Kundus bekanntgegeben: 179 zivile Opfer und 5 Taliban!
[2] Höhe der Entschädigung noch unklar (tagesschau.de)
[3] Offenbar schnelle Entschädigung angestrebt
[4] Afghanistan - Spielball der Weltmächte
[5] Akte Kundus

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